Thema Des Monats

„Uns hilft die Diversifizierung bei den Schiffstypen“.

Der Druck auf die Frachtraten hat sich in 2016 weiter verstärkt. Wie MarConsult mit der schwierigen Situation in der Frachtschifffahrt umgeht, woher die Überkapazitäten am Markt kommen und weshalb gerade jetzt Kreativität gefragt ist, erklärt CEO Mad Dabelstein im Interview.

Frage: Herr Dabelstein, in unserem letzten Gespräch zur Jahreswende äußerten Sie sich skeptisch, dass sich die Frachtraten in 2016 erholen. Inzwischen sind die Raten sogar weiter gesunken. Woher kommt der starke Druck auf die Fracht- und Charterraten?

Mad Dabelstein: Die weltpolitischen Krisen, die Sanktionen gegen Russland, das stark geschwächte Wachstum in China und die wirtschaftlichen Probleme der Ölförder-Länder haben die schwierige Situation weiter zugespitzt. Es sind vor allem die bestehenden Überkapazitäten an Frachtraum und die Neubestellungen, die der Frachtschifffahrt und damit den Fracht- und Charterraten so sehr zusetzen. In der Containerschifffahrt werden immer größere Schiffe gebaut. In den Orderbüchern stehen fast nur Schiffe über 8.000 TEU. Zahlreiche Neubauten der sogenannten „Mega Carrier“, also Schiffe ab ca. 15.000 bis knapp 20.000 TEU, entstehen und werden von den Linien-Reedereien in den Markt gedrückt und suggerieren den angeblich günstigeren Transport des einzelnen Containers. Die Folge ist, dass die Frachtraten aufgrund des geringer als angenommenen Ladungsaufkommens sinken. Unter dem Strich betrachtet kehrt sich der zunächst geglaubte Vorteil der „Mega Carrier“ zur Zeit ins Gegenteil um, da die Schiffe aufgrund des gesunkenen Ladungsaufkommens nicht voll ausgelastet sind, aber dennoch erhebliche Kosten (Hafenkosten, Betriebskosten, Versicherungskosten etc.) generieren. Ganz zu schweigen von den Kosten, die durch die Anpassung der Häfen auf diese Giganten entstehen. In diesem Zusammenhang verweise ich gern auf meine Aussage zur Elbvertiefung. Es ist mir also weiterhin unbegreiflich, weshalb in diesen ungesunden, von Überkapazitäten geplagten Markt noch immer neue und vor allem immer größere Schiffe gebaut werden. Fest steht, dass die Neubaupreise wegen der desolaten Situation am Schifffahrtsmarkt derzeit sehr günstig sind und die zahlreichen Werften in China und Korea mit Dumpingangeboten um Neubauaufträge buhlen. Doch diese Rechnung ist ein gefährlicher Wechsel auf die Zukunft, denn ob und wann die Märkte sich wieder drehen, hängt in erster Linie von einer wieder positiven Entwicklung der Weltwirtschaft ab. Bis dahin wird der derzeitig zu beobachtende Verdrängungswettbewerb der großen Linien anhalten und weitere Opfer unter den Marktteilnehmern fordern.

Frage: Welche Auswirkungen hat der Verfall der Frachtraten auf MarConsult?

Mad Dabelstein: Zum Glück sind wir mit unserer Flotte, bestehend aus Containerfeederschiffen, Vielzweck- und Massengutfrachtern etwas breiter aufgestellt und aufgrund der Schiffsgrößen in einer Nische tätig. So können wir zur Zeit relativ entspannt auf unsere Containerfeeder und Vielzweckfrachtschiffe schauen. Auch wenn wir bei vier von zehn Schiffen, deren Chartern wir kürzlich verlängern konnten, niedrigere Charterraten akzeptieren mussten, so sind alle Vielzweckfrachter mehr als kostendeckend über dieses Jahr hinaus beschäftigt. Kopfzerbrechen bereitet uns hingegen der nahezu komplett eingebrochene Bulkmarkt (Massengut). Der Baltic Dry Index, der den Spotmarkt für alle gängigen Bulker-Typen abbildet, ist auf dem niedrigsten Stand aller Zeiten – noch unter dem bisherigen Tief nach der Lehman-Pleite in 2008. Zwar erholt sich der Preis-Index momentan etwas, er liegt aber dennoch auf historischem Tiefstand, der es nur selten ermöglicht die Betriebskosten einzufahren. Insofern hoffen wir auch hier, auf eine baldige und nachhaltige Markterholung, die wir insbesondere aufgrund der Tatsache, mit unserer Schiffsgröße in einer Nische tätig zu sein, als durchaus realistisch einschätzen.

Frage: Das klingt nach einem erneut schweren Jahr für die Schifffahrt und für MarConsult?

Mad Dabelstein: In der Tat erwarten wir, dass 2016 ein schweres Jahr, womöglich das schwerste meiner 35jährigen Laufbahn, werden wird. Prognosen darüber, wann die Märkte wieder anziehen, kann und will ich nicht mehr geben. So geht es auch anderen Reedern und Marktteilnehmern. Denn das Umfeld ist politisch brisant und die Entwicklung auf den Finanzmärkten schwer vorhersehbar. Diese Umstände, unter denen die Schifffahrt bereits seit 2009 zu leiden hat, drücken erheblich auf die Stimmung aller Marktteilnehmer und erfordern immer mehr Zuversicht und Kreativität.

Frage: Wie reagieren die finanzierenden Banken auf den Verfall der Frachtraten?

Mad Dabelstein: Die Probleme im Allgemeinen und auf dem Bulkmarkt im Besonderen machen natürlich auch die Banken nervös. Einige renommierte Reedereien mussten für ihre Massengutfrachter bereits den Antrag auf ein Insolvenzverfahren stellen. Dies ist in Anbetracht der momentanen Frachtenmarktsituation und aufgrund der Tatsache, dass zuweilen Frachtraten akzeptiert werden, die nur den Treibstoff decken, nicht verwunderlich. Dies alles veranschaulicht wie schwer die Situation momentan ist. Die Vorgaben und Regularien, denen die Banken unterlegen sind, führen unweigerlich zu einem drastischen Anstieg der Zwangsverkäufe. Wenn jetzt allerdings immer mehr Schiffe unter Zwang veräußert werden, wird das nicht automatisch dazu führen, dass sich die Frachtraten erholen. Wir erwarten vielmehr das Gegenteil, da die betreffenden Schiffe im Markt verbleiben und weiterhin zur Verfügung stehen.

Frage: Gibt es auch alternative Finanzierungsmöglichkeiten für MarConsult?

Mad Dabelstein: Die Finanzierung unserer Projekte über Banken hat weiterhin Priorität. Selbstverständlich denken aber auch wir über alternative Modelle nach. So entwickeln sich Möglichkeiten in der Zusammenarbeit mit institutionellen Investoren, die wegen der Nullzins-Problematik nach neuen Anlagemöglichkeiten suchen. Ein anderer denkbarer Weg sind Unternehmensanleihen, auch darüber denken wir nach.

Frage: MarConsult hat in den vergangenen zwei Jahren 19 Schiffe erworben. War das eine richtige Entscheidung?

Mad Dabelstein: Die Entscheidung war zum damaligen Zeitpunkt absolut richtig. Aus heutiger Sicht nützt uns vor allem die gelungene Diversifizierung bei den Schiffstypen. Ob wir günstigere Kaufpreise hätten erzielen können, diese Frage stellt sich mir nicht, denn die Schiffe waren eben nur damals zu erwerben. Bis auf unsere Bulker ist der überwiegende Teil unserer Flotte über das Jahr 2016 hinaus zu auskömmlichen Tagesraten verchartert. Wir müssen also alles erforderliche unternehmen, die Beschäftigung unserer Schiffe im Anschluss an auslaufende Chartern zu sichern und dafür kämpfen, dass sich die Fracht- und Charterraten in 2017 erholen.

Frage: Bleibt auch der geplante Ausbau der MC-Flotte auf Ihrer Agenda?

Mad Dabelstein: Ja, unser erklärtes Ziel, der Ausbau der Flotte auf ca. 30 bis 35 Schiffe, bleibt bestehen. Ich bin zuversichtlich, dass die desolate Marktentwicklung auch Chancen für MarConsult bringen wird, da einige Schiffe zur Zeit zur Verkaufspreisen gehandelt werden, die vor einigen Jahren absolut nicht denkbar waren. Das ist die andere Seite der Medaille, durch marktbedingte historisch niedrige Kaufpreise, interessante Schiffe erwerben zu können, die bei eintretender Markterholung eine lukrative Zukunft versprechen.

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Die Fragen stellte Andreas Nölting
www.noeltingmedia.com

 

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